Vertreibung


Ein Teil der Verwandtschaft kam nach der Vertreibung nach "X". Als Kind fragte ich,"warum fahren wir nicht mal nach "X" zu Besuch?" die Antwort meines Vaters war kurz: "In "X" wohnt das rote Pack, da fahren wir nicht hin". Als Kind verstand ich diese Aussage nicht.

Nach dem Tod meiner Eltern begann ich mich mit Weiperter-Familien und Geschichte zu befassen. Ich suchte den Kontakt zu älteren Weipertern, Gesprächsthema waren auch die Vertreibung und die Vertreibungskommandos.

Ein dunkler Punkt bei der Vertreibung war die schmutzige Mithilfe Deutscher. Über dieses Thema sprachen nur wenige offen. Ohne diese Deutschen hätte die Vertreibung von Deutschen nicht so gut funktioniert. 98% der Weiperter waren Deutsche (letzte tschechische Volkszählung 1939), die vertreibenden Tschechen waren ortsfremd, sie benötigten also die Hilfe ortskundiger Deutscher. Der antifaschistische, kommunistische Hilfsdienst um Franz Fraß war ein williger Helfer für diese Schmutzarbeit, die Mitglieder trugen eine rote Armbinde als Kennzeichen. Dieser Hilfsdienst besprach mit den Tschechen, welche Wohnungen zu durchsuchen, welche Bewohner zu vertreiben oder welche in eines der Straflager zu sperren wären. Die Vertreibungskommandos bestanden in der Regel aus 2 bewaffneten Tschechen und einem Deutschen vom Hilfsdienst mit roter Armbinde.

Diese Deutschen waren meist nationalsozialistisch Verfolgte, die in Konzentrationslagern und anderen Straflagern waren. Nach der Befreiung 1945 rächten sie sich rücksichtslos an allen Deutschen. Die ersten Deutschen (zumeist aus Neugeschrei) wurden ohne Habe bei Jöhstadt nach Sachsen gejagt. Etwa 6 Wochen nach Kriegsende wurden viele Neugeschreier Männer nach Striemitz oder Maltheuern verschleppt. Bis 1947 waren etwa 80% der Deutschen vertrieben, der Rest wurde teilweise umgesiedelt, zwangsweise zur Landarbeit oder im Joachimsthaler Uranbergbau eingesetzt. An den Folgen des Uranbergbaus sind viele verstorben.

Von meinen deutschstämmigen Zimmervermieterinnen bei den Archivbesuchen in Leitmeritz wurden mir ähnliche Zustände geschildert, es war also kein alleiniges Weiperter Problem. Ich konnte diese Rolle der "roten Armbinden" nicht glauben, suchte bei "Google" und fand "NICHTS". In der "Chronik der Stadt Weipert" fand ich auf Seite 504/505 eine Bestätigung dieser Aussagen.

Nach der wilden Vertreibung (ohne Gepäck und Papiere) über die Grenze nach Sachsen kam ab 1946 die "humane Aussiedlung!" 25 kg Gepäck waren erlaubt, von den Tschechen x-mal kontrolliert, alles was wertvoll erschien wurde geraubt. Zur damaligen Zeit war die Vertreibung vorhersehbar, viele hatten Koffer gepackt. Meine Eltern hatten die gepackten Koffer im Schlafzimmer abgestellt. Als das Vertreibungskommando eintraf, durften meine Eltern das Schlafzimmer und die Schlafkammer der Großmutter nicht mehr betreten. Sie konnten nur einige Gegenstände aus Wohnzimmer und Küche einpacken. Ich hatte ein kleines Holzpferd auf einem Brettchen mit 4 Rädern, mein einziges Spielzeug, selbst dies wurde mir von einen Tschechen im "Aussiedlerlager" in der ehemalige Spedition Weisgärber abgenommen.


linkes Bild, Ruine der ehemaligen Spedition.
Die Bezeichnung "Aussiedlerlager" war ein Hohn, wir wurden nicht ausgesiedelt, wir wurden vertrieben. Freiwillig ist keiner gegangen. Die Bezeichnung "Aussiedler" wurde in dem Sprachgebrauch der DDR übernommen, der Begriff "Vertriebener" durfte nicht genannt werden! Wir waren etwa 2 Wochen im Lager, dann wurden wir per Bahn in Viehtransportwaggon über Eger aus dem Land gebracht. Der Transport ging nach Hessen, Hessen war überfüllt, wir wurden nach 2 Tagen im Zug nach Bayern umgeleitet.

Die kindlichen Erinnerungen an die 2 Wochen im Aussiedlerlager sind unklar, für mich war es ein großer U-förmiger Backsteinbau mit großen Misthaufen (wahrscheinlich der Pferdemist der ehemaligen Spedition) auf dem die Deutschen ihre Notdurft verrichteten. Breite, graue Steintreppen und große Säle (die Lagerräume der Spedition).
Bei kleinsten Vergehen durften die deutschen Frauen diese Steintreppen mit der eigenen Zahnbürste putzen (Erzählung meiner Mutter).

Grafik3
Die Vertreibung wurde nicht überall gleich gehandhabt. Die Angaben über das zulässige Gepäck schwanken von 25 bis 40 kg. In Weipert waren Koffer, Rucksack als Verpackung üblich. In Milles gab es vorgefertigte "Vertreibungskisten" aus Holz. Das Gewicht (Tara 28) der Kiste ist genau angegeben, da durften 30 kg zugepackt werden (Juni 1946)!
Als Dank für ihre Schmutzarbeit durften die Mitglieder des Hilfsdienstes ab Ende 1946 mit der gesamten beweglichen Habe ausreisen. Einer dieser Transporte ging nach Weißenburg. Die Mitglieder hatten ihre bewegliche Habe, bekamen Entschädigung als nationalsozialistische Verfolgte, bekamen Lastenausgleich als Heimatvertriebene und bauten die ersten Häuser in Weißenburg.

Die folgenden Sätze hören manche Vertriebenenfunktionäre nicht gerne. Was wäre gewesen, wenn wir nicht vertrieben worden wären? Wir wären über 40 Jahre ein unterdrückter Volksstamm in einem kommunistischen Staat gewesen. Darüber sollte sich manch Vertriebener klar sein. Viele Vertriebene sind in Westdeutschland durch eigene Initiative zu bescheidenen Wohlstand gekommen. Ehemalige Muntionslager wurden durch die Initiative von Vertriebenen zu Städten, Neugablonz und Waldkraiburg entstanden. Die Sudetendeutschen wurden als vierter Volksstamm in die Bayerische Verfassung aufgenommen.

In Südböhmen und Mähren wurden die Deutschen nach Österreich vertrieben. Der Todesmarsch von Brünn ist in die Geschichte eingegangen. Österreich hat die deutschen Vertriebenen nicht aufgenommen. Es folgte Teil 2 der Vertreibung, 1946 wurden 224425 Deutsche in 271 Transporten nach Deutschland vertrieben. Nachzulesen ab Seite 119 in Vertreibungslisten.

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